Literatur
                                                                                                                                                                         

            Literatur Ausstellung Dokumentation Musik

 

       


Film Roma in Frankfurt



Studie Markus End Antiziganismus

(  PDF)
Markus End, Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit, Strategien und Mechanismen medialer Kommunikation, 2014



Die Roma und Sinti Philharmoniker.
Ein Dirigent und sein Traum
Dokumentation von Margarete Kreuzer, 2014


Medienbox:
"Verfolgung und Diskriminierung der Sinti und Roma. Frankfurt"
                                     3 Boxen, 8 DVD   
                                                              
(Für den Unterricht Sekundarstufen I und II , kostenlos bei Stadtschulamt und Staatliche Schulamt erhältlich)


       
                  Kultusministerium Sinti und Roma     Kultusministerium Roma uns Sinti

                           Sinti  und Roma in Deutschland und die Rolle des Antiziganismus
                            ( *.pdf, 60 Mb, 124 Seiten)




Newo Ziro - Neue Zeit

Ein Dokumentarfilm von
Robert Krieg + Monika Nolte



Desert Inspiration







Roland Flade, Dieselben Augen, dieselbe Seele.
 Theresia Winterstein und die Verfolgung einer
Würzburger Sinti-Familie im »Dritten Reich«,  Würzburg 2008




Wanderausstellung
»Bedrängte Existenz«
Überlebende Roma des NS-Terrors in der Ukraine




 
Martin Holler, Der nationalsozialistische Völkermord an den Roma in der besetzten Sowjetunion (1941–1944), 2009

 

   Le Sovora


Le Sovora caran Filmuri
Die Mächen machen Filme
Ein Projekt des Förderverein Roma e.V





 

Film-Doku "Seako ges" (Oktober 2006)



Die vergessenen Europäer
Kunst der Roma / Roma in der Kunst
Ein Projekt des ROM e.V, Köln,
 in Kooperation mit dem Kölnischen Stadtmuseum



Ausstellung
Frankfurt–Auschwitz

(Dokumentation)



Michail Krausnick
 
Auf Wiedersehen im Himmel
 Die Geschichte der Angela Reinhardt
München 2001


     

           
       


 



 


Martin Holler, Der nationalsozialistische Völkermord an den Roma in der besetzten Sowjetunion (1941–1944). Gutachten für das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, 2009

ISBN: 978-3-929446-25-8 Umfang/Preis: 142 S.; € 10,00

Für H-Soz-u-Kult rezensiert von:
Ulrich Opfermann, Aktives Museum Südwestfalen, Siegen

Im Forschungsdiskurs wie in der erinnerungs- und opferpolitischen Diskussion zur Verfolgungsgeschichte der europäischen Roma im Nationalsozialismus gibt es die Kontroverse, ob sich wie im Falle der jüdischen Minderheit von einem Genozid sprechen lasse. Die Diskussionsbeiträge reichen von strikter Ablehnung (Yehuda Bauer, Guenter Lewy) über eingeschränkte Zustimmung (Michael Zimmermann) bis hin zu entschiedener Unterstützung (Wolfgang Wippermann).[1] Den sowjetischen Roma kommt dabei besondere Bedeutung zu. Die nationalsozialistische Rassenpolitik trat mit dem Krieg gegen die Sowjetunion in die Phase ihrer äußersten Radikalisierung ein, der ein bislang nicht annähernd schätzbarer, sicher aber erheblicher Anteil der sowjetischen Minderheit in den besetzten Gebieten zum Opfer fiel, worauf wichtige Vorbehalte gegenüber der Genozid-These sich beziehen. Die Anordnungen seien widersprüchlich gewesen, der Hauptgrund für die Verfolgung und Vernichtung sei Spionagefurcht gegenüber schwer kontrollierbaren, da „wandernden“ und normativ und sozial nicht erreichbaren „Zigeunern“ gewesen. Rassismus habe eine nur „untergeordnete Rolle“ gespielt. Die Verfolgungspraxis sei nicht durch die Vorstellung einer unerwünschten „rassischen“ Zugehörigkeit, sondern durch eine unerwünschte „asoziale“ Lebensweise motiviert gewesen. Sesshaftigkeit und soziale Anpassung hätten vor Verfolgung und Vernichtung geschützt.[2]

Eine wesentliche Schwäche bei der Zustimmung oder der Ablehnung zu diesen Auffassungen liegt in mangelnder Empirie. Die schriftlichen Quellen sind nur insoweit erschlossen, als es sich um deutsche Überrestquellen in deutschen Archiven handelt. Sowjetische Beutequellen deutscher Provenienz und Quellen sowjetischer Provenienz wurden kaum ausgewertet. Die ältere sowjetische und die gegenwärtige Literatur zur Geschichte der Roma wurden in der deutschen Forschung bislang kaum rezipiert.[3]

Martin Holler legt nun eine erste Untersuchung vor, die eben darin ihre hauptsächliche Basis hat. Er recherchierte in der umfangreichen Überlieferung der bereits 1942 eingerichteten „Außerordentlichen Staatskommission“ zur Ermittlung der während der Okkupation begangenen Verbrechen und ergänzte dies um „Stichproben“ aus weiteren Beständen des Moskauer Archivs der Russischen Föderation sowie aus zehn ostukrainischen und Krim-Archiven. Er konsultierte zudem die sowjetische und postsowjetische Literatur umfassend und sprach außerdem mit Angehörigen der Erlebnisgeneration. Als Bearbeitungsraum wählte er die militärisch verwalteten Gebiete, da über sie bisher die geringsten Kenntnisse vorliegen würden.

Holler betrachtet die Ebene der Normsetzung und gleicht sie „mit der praktischen Realität vor Ort“ ab (S. 42). Sein Anspruch ist, „ein erstes verbindliches Urteil über Verlauf, Ausmaß und Systematik der nationalsozialistischen Roma-Vernichtung in den Kerngebieten der deutsch besetzten Sowjetunion zu fällen“ (S. 27). Methodisch setzt er vor allem an den Teilregionen an, in denen Roma oft bereits seit der Zarenzeit ortsfest lebten. Die ältere Vorgeschichte sei laut Holler einzubeziehen, um der Gefahr zu entgehen, „ideologisch geprägte ‚Zigeunerbilder‘ unreflektiert zu übernehmen“ (S. 20). Damit spricht er den in der Literatur nach wie vor gegenwärtigen Mythos vom kollektiven ewigen „Nomaden“ an.[4] Dem setzt er die Geschichte der Sesshaftigkeit von Roma und den Tatbestand entgegen, dass angebliche Nomaden häufig und nicht anders als ebenfalls dem Anschein nach „vagabundierende“ Juden Kriegsflüchtlinge waren.

Im Smolensker Gebiet lag eine Reihe „nationaler Zigeunerkolchosen“ mit teils ethnisch geschlossener Roma-Bauernbevölkerung, teils gemischter Bewohnerschaft. Die von Holler untersuchten sowjetischen Quellen belegen, dass Angehörige deutscher Militäreinheiten dort anhand von Einwohnerlisten und nach „rassischem“ Augenscheinurteil im Frühjahr 1942 systematisch die Roma-Bevölkerung erfassten, festnahmen und ermordeten. Die Opfer waren Kolchosbauern, Lehrerinnen, Erzieherinnen, Männer, Frauen und Kinder. Der Bericht für die Zentrale Staatskommission stellte später fest, „Juden und Zigeuner wurden vollständig und überall vernichtet“ (S. 59). Holler nennt zahlreiche Beispiele systematisch organisierter Mordaktionen gegen die Bewohner von dörflichen und städtischen Roma-Quartieren. Die Vernichtung sei mitunter nicht nur ebenso zielgerichtet wie bei Juden, sondern „in einem einheitlichen Schritt geplant und vorbereitet“ (S. 60) und schließlich umgesetzt worden. Die „Parallelität der Roma- und Judenvernichtung“ habe miteinschließen können, dass die deutschen Mordplaner wie bei der jüdischen Bevölkerung „Umsiedlungen“ vorgetäuscht hätten, um möglichst ausnahmslos vernichten zu können. Die Publikation enthält die Abbildung eines entsprechenden Plakats aus dem Gebiet Černigov vom Juni 1942. Dem Aufruf zu einer Meldung zur Umsiedlung folgte dort ein dreitägiges Massaker, dem mindestens 2.000 Roma zum Opfer fielen. Anschließend wurde systematisch nach den bis dahin verschont Gebliebenen in den ländlichen Regionen gefahndet. Ein großer Teil der assimilierten Roma arbeitete in ethnisch-gemischten Kolchosen, wo man versuchte, sie mit Hilfe von Kollaborateuren aufzuspüren.

Ausführlich wendet sich Holler der Krim und dem Nordkaukasus zu, dem Befehlsbereich von Otto Ohlendorf, dem Leiter der Einsatzgruppe D. Es ist in diesem Fall in der Literatur unumstritten, dass die Zigeunerverfolgung ebenso umfassend angelegt war wie die der Juden.[5] Sie setzte früh – schon 1941 – ein und verlief synchron mit der Vernichtungsaktivität gegen Juden und Krimtschaken.[6] Die Roma-Bevölkerung war ganz überwiegend lange sesshaft und „sehr stark tatarisch assimiliert“ (S. 83). Ohlendorfs Nürnberger Prozessaussagen legten dazu das rassistisch-antiziganistische Motiv frei, eine Deutung, die in diesem Punkt auch Lewy vertritt. Auch auf der Krim versuchten die Besatzer mit Vortäuschungen („Umsiedlung“, „Ausgabe von Brotrationen“) die völlige Vernichtung der Roma zu erreichen. Was nur bei etwa zwei Dritteln gelang, weil der hohe Grad an Assimilation und die Verflechtung mit der tatarischen Mehrheitsbevölkerung und deren solidarische Hilfe viele dieser moslemischen Roma vor der Entdeckung als „Zigeuner“ schützte. Zwei Drittel bedeutet andererseits, dass die Opferzahlen erheblich über den bislang angenommenen liegen.[7]

Zum Operationsgebiet der Einsatzgruppe D gehörte der 1942 für nur etwa ein halbes Jahr besetzte Nordkaukasus, ein Gebiet mit größerer und weitgehend sesshafter Roma-Bevölkerung. Auch wenn Holler der Zugang zu einem Teil der Archivbestände dort verwehrt wurde, sei dennoch festzustellen gewesen, dass die kurze Zeit der Besetzung trotz des bald einsetzenden Drucks durch die Rote Armee von den Deutschen für das Aufspüren und Sammeln mittels „Zigeunerlisten“ und durch das Vorspiegeln einer „Aussiedlung“ genutzt wurde. Die frühe Befreiung rettete einen großen Teil der Bedrohten.

Holler zitiert immer wieder aus Berichten von Tatzeugen. Es fällt die exzessive, ungewöhnlich brutale Mordpraxis von SS-, Polizei-, Wehrmachts- und Hilfsverbandsangehörigen gegenüber unterschiedslos allen als „Zigeuner“ Gewerteten auf, wie sie sich in gleicher Weise gegen die jüdische Minderheit vorfindet. Hollers Fazit lautet, dass für den von ihm untersuchten Raum „das bislang vorherrschende Forschungsbild [...] grundlegend zu revidieren“ sei (S. 108). Der Vernichtungsfeldzug gegen die sowjetischen „Zigeuner“ in den militärisch verwalteten Gebieten habe einen „systematischen und intentionalen Charakter“ gehabt. Er sei grundlegend rasseideologisch motiviert, gegen Roma als Gesamtheit gerichtet gewesen und auch methodisch vergleichbar der Vernichtung der jüdischen Minderheit ins Werk gesetzt worden.

Bereits Hollers bei aller Ausführlichkeit doch stichprobenhafte Recherche kann die Dichotomie zwischen grundsätzlich von Vernichtung bedrohten „Wanderzigeunern“ und geschützter ortsfester Wohnbevölkerung auflösen, die eine starke Stütze des Konstrukts von der Unvergleichlichkeit des Genozids an der jüdischen Minderheit ist. Es deutet sich an, dass die Gegenthese bei weiterer Erschließung der Bestände der postsowjetischen Archive sich empirisch verifizieren lässt. Holler hat eine Türe geöffnet. Weitere Recherchen in den Archiven vom Baltikum bis zur Krim müssen folgen.

Anmerkungen:
[1] Yehuda Bauer, Zigeuner, in: Yisrael Gutman (Hrsg.), Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Bd. III, Berlin 1993, S. 1630-1634, hier S. 1634; Guenter Lewy, „Rückkehr nicht erwünscht“. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich, München 2001, S. 216f.; Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage“, Hamburg 1996; Michael Zimmermann, „Rückkehr nicht erwünscht“. Guenter Lewys Gesamtdarstellung der Zigeunerverfolgung im Dritten Reich, in: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts, Herbst 2001, Nr. 21, S. 50-53, online verfügbar unter <www.fritz-bauer-institut.de/rezensionen/nl21/zimmermann.htm> (02.12.2009); Wolfgang Wippermann, „Auserwählte Opfer“? Shoah und Porrajmos im Vergleich. Eine Kontroverse, Berlin 2005.
[2] Lewy, „Rückkehr nicht erwünscht“, S. 216f.
[3] Christan Gerlach konsultierte Beutequellen in russischen und weißrussischen Archiven. Zu neuen Ergebnissen kam er in seinem kurzen Abschnitt über die Verfolgung der Roma nicht: ders., Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999, S. 1063-1067.
[4] Siehe z.B. Lewys Vorstellung kollektiv gegebener Eigenschaften, darunter „ihre nomadische Lebensweise.“ Darin seien „die Wurzeln der Ablehnung“ aufzufinden: Lewy, „Rückkehr nicht erwünscht“, S. 27ff.
[5] Siehe z.B. Lewy, „Rückkehr nicht erwünscht“, S. 206.
[6] Tatarisch assimilierte Juden sephardischer Herkunft.
[7] Vgl. Zimmermann, Rassenutopie, S. 263.

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Roland Flade

Roland Flade, Dieselben Augen, dieselbe Seele. Theresia Winterstein und die Verfolgung einer Würzburger Sinti-Familie im »Dritten Reich«. Verlag Ferdinand Schöningh, Würzburg 2008
(Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 14), 226 S., 17,80 Euro


»Zigeuner« und »Zigeunermischling«

Birgit Seemann
in Tribüne, Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, Heft 192, 2009

.... Der süddeutschen Sintifamilie Winterstein hat Roland Flade (Jahrgang 1951), Journalist und Verfasser zahlreicher Studien zur jüdischen Geschichte in Würzburg und Region, ein schriftliches Denkmal gesetzt. Dass die Publikation als Band 14 der Reihe des Stadtarchivs Würzburg erschien, versehen mit einem längeren Geleitwort des Würzburger Oberbürgermeisters Georg Rosenthal, lässt hoffen, dass die Wintersteins inzwischen (endlich) als Teil der bayerisch-unterfränkischen Bevölkerung wahrgenommen werden. Der Autor führt zunächst in die Geschichte der Sinti (seit mindestens 600 Jahren in Deutschland ansässig) und Roma (seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von Südosteuropa aus zugewandert) ein. Auf die anfangs positive Aufnahme der Sinti als gefragte Handwerker und Künstler folgten Jahrhunderte eines religiös legitimierten Vertreibungs-Antiziganismus, schließlich eines rassistischen Antiziganismus.

Dessen nationalsozialistische Zuspitzung erfuhr Theresia Seible, geb. Winterstein (1921-2007), Tänzerin und Sängerin am Würzburger Stadttheater, am eigenen Leib: Von NS-Ärzten als »Zigeunermischling« klassifiziert und damit zur Zwangssterilisierung freigegeben, wurde sie >unerlaubt< schwanger. Der NS-behördlich angedrohten Zwangsabtreibung entging sie nur, weil sie Zwillinge erwartete, die sie sofort nach deren Geburt am 3. März 1943 der Würzburger Universitätsklinik überlassen musste. Dort erlitten beide Säuglinge mit hoher Wahrscheinlichkeit medizinische Menschenversuche, die die kleine Rolanda nicht überlebte, während Mutter und Großmutter ihr Schwesterchen Rita gerade noch retten konnten. Am 4. August 1943 machte ein ärztlicher Eingriff in der Würzburger Universitäts-Frauenklinik Theresia Winterstein für immer unfruchtbar, zugleich war sie Zeugin brutaler Zwangsabtreibungen. Zwangssterilisiert wurden auch ihr Vater Johann Winterstein (1898-1972) und ihr als Sinto aus der Wehrmacht entlassener Bruder Kurt Spindler (1920-2007). Nur durch die Sterilisation und nachfolgende Trauung mit dem »rassereinen Zigeuner« Gabriel Reinhardt (1913-1979), dem Vater ihrer Zwillingstöchter, entging Theresia Winterstein der Deportation, die viele ihrer Verwandten traf. Nach der Befreiung hielt die Ehe den vielfachen Belastungen nicht stand und wurde 1947 annulliert. Auch eine zweite Ehe mit dem US-Soldaten Emanuel Seible, der ihre Tochter Rita adoptierte, scheiterte.

Rita Winterstein adopt. Seible - das Trauma der NS-Zeit band Mutter und Tochter zeitlebens fast symbiotisch aneinander - heiratete ebenfalls einen in Würzburg stationierten US-Soldaten, George Prigmore, und wurde Mutter zweier Kinder. Auch sie trennte sich später von ihrem Ehemann und kehrte aus den USA nach Deutschland zurück. Dort bewältigten Mutter und Tochter gemeinsam das Drama der den NS-Verfolgten mit Roma- und Sintiherkunft verweigerten Entschädigung, dem Roland Flade mit »Karrieren und Kampf um Entschädigung: Täter und Opfer nach 1945« ein eigenes Kapitel widmete. Um das Tabu der Zwangssterilisierung zu brechen und Sintezzas mit ihren Kindern zum Besuch der von ihnen seit der NS-Zeit gefürchteten medizinischen Einrichtungen zu ermutigen, gründete Theresia Winterstein Anfang der 1980er Jahre die erste Frauenorganisation der Sinti, der sich auch Nicht-Sintezzas, etwa Sozialarbeiterinnen, anschlossen. Als deren Präsidentin konnte sie als Sachverständige an Gerichtsverhandlungen teilnehmen. Auch ihre Tochter Rita Prigmore, die als »Baby Survivor« skrupelloser medizinischer Menschenversuche körperliche und seelische Folgeschäden davon trug und in ihrem schulischen und beruflichen Fortkommen beeinträchtigt blieb, gewann schließlich den langen Kampf um eine zumindest materielle Entschädigung. Eine späte öffentliche Würdigung der Leidensgeschichte der Wintersteins markierte am 11. Mai 2005 - in Anwesenheit der damaligen Oberbürgermeisterin Dr. Pia Beckmann - die Einweihung eines Denkmals nahe des Doms für die ermordeten Würzburger Sinti und Roma. Im gleichen Jahr fand am damaligen NS-Tatort, der Würzburger Universitäts-Frauenklinik, im Rahmen des 200-jährigen Krankenhausjubiläums ein Symposium über die schuldhafte NS-Verstrickung der Gynäkologie statt, wo auch die Verbrechen an Theresia Winterstein und ihren Kindern zur Sprache kamen. Für einige der Ermordeten der Familie Winterstein hat der Künstler Günter Demnig inzwischen Stolpersteine in Würzburg verlegt: für Theresia Wintersteins Onkel Franz Winterstein (1909-1942), für ihre Cousine Anneliese Winterstein (1924-1944) und deren kleine Söhne Karl-Heinz (1940-1944) und Waldemar (1943-1944), für ihre Tochter und Rita Prigmores Schwester Rolanda Winterstein mit dem Vermerk: »geboren am 03.03.1943 in Würzburg — ermordet am 11.4.1943 in der Universitäts-Klinik Würzburg« (www.stolpersteine-wuerzburg.de, Abfrage v. 14.09.2009).
Nach einem mit »starkem Selbstbehauptungswillen und großem Mut« (S. 180) geführten Leben starb die 85-jährige Theresia Winterstein am 1. April 2007, bis zuletzt liebevoll betreut von ihrer überlebenden Zwillingstochter. Ohne Rita Prigmore, die dem Gadscho (Nicht-Sinto) Roland Flade Zugang zum Familienarchiv und Antworten auf schmerzliche Fragen gewährte, wäre dieses Buch nicht entstanden.

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Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma. Roma in der Kunst

Die Kölner Ausstellung »Die vergessenen Europäer: Kunst der Roma - Roma in der Kunst« wurde am 5. Dezember 2008 im Kölnischen Stadtmuseum eröffnet und dauerte bis zum 1. März 2009. Der Katalog erscheint nachträglich am Ende des Jahres 2009. Er enthält zwei Teile. Teil Eins dokumentiert die »Zeitgenössische Kunst und Poesie von Roma und NichtRoma«, wie sie im Obergeschoss des Kölnischen Stadtmuseums (Alte Wache) zu sehen war. Teil Zwei zeigt das »Bild der Zigeuner in der europäischen Kunst seit dem 15. Jahrhundert«, dem der Ausstellungsraum im Erdgeschoss der Alten Wache gewidmet war.
Jeder Teil wurde von einer eigenen Vorbereitungsgruppe konzipiert und realisiert. Teil Eins erarbeiteten Eva Ohlow, Harald Klemm, Kaiman Varady, Eusebius Wirdeier und Kurt Holl; Teil Zwei erarbeiteten Stefan Ohlow, Kurt Holl, Prof. Kurt Rössler, Andreas Braune, Max Rest und Doris Schmitz.
In Ausstellung und Katalog wurde die allgemeine Bezeichnung »Roma« für die zeitgenössischen Künstler aus der Minderheit verwandt. Zwar ist ihr Background durchaus verschieden: sie rechnen sich den Gemeinschaften der Gitanos (Gabi Jimenez), Manouches (Thomas F. Fischer), der Sinti (Katarzyna Pollok), der englischen Gypsies (Daniel Baker) und der (ost- und südosteuropäischen) Roma im engeren Sinne zu (Nihad Nino Pusija, Jovan Nikolic, Ruzdija Russo Sejdovic, Bronistawa »Papusza« Wajs). Wir verwenden hier jedoch im Einverständnis mit den Künstlern die Bezeichnung »Roma«, weil sie sich inzwischen in den Dokumenten der EU und UNO für alle Angehörigen der Minderheit durchgesetzt hat. Im übrigen hat auch die Biennale von Venedig 2007 im »Roma-Pavillon« Künstler unterschiedlicher Herkunft vereint, von denen einige ja auch für die Kölner Ausstellung gewonnen werden konnten. Im historischen Teil behielten wir das Wort »Zigeuner« bei, wie es die Quellen gebrauchen.
Die Essays des Katalogs, die uns in serbischer, englischer beziehungsweise amerikanischer Sprache erreichten, haben wir auch in die deutsche Sprache übertragen lassen. Ebenso wurde die Lyrik von Papusza, Jovan Nikolic und Ruzdija Russo Sejdovic aus der polnischen, der serbischen und der Romanes-Muttersprache ins Deutsche übertragen. Die nichtgezeichneten Einführungen zu den einzelnen Kapiteln des historischen Teils stammen von der Katalog-Redaktion des Rom e.V. (Kurt Holl). Die Poesie-Fahnen sind nicht nur in der jeweiligen Muttersprache und in deutscher Übersetzung wiedergegeben, sondern auch in der originalen Schrift. Anmerkungen zu einzelnen Kapiteln oder Bildern sind mit * gekennzeichnet. Sie finden sich im Anhang (Seite 167).
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Wir wurden bei der Vorbereitung unserer Ausstellung besonders ermutigt und angeregt durch drei hervorragende Ausstellungen des Jahres 2007, die Europäische Roma-Künstler bzw. Darstellungen von »Zigeunern« in der europäischen Geschichte vorstellten: 1. »Attention Tsiganes! Histoire d'un Malentendu« im Musee d'Histoire de la Ville de Luxembourg, 2. »Paradise Lost« im Roma-Pavillon auf der Biennale von Venedig und 3. »Roma und Sinti — »Zigeuner«-Darstellungen der Moderne« in Krems.
Der Katalog kann ab Ende des Jahres 2009 beim Rom e.V. Köln (rom.ev@netcologne.de) und im Kölnischen Stadtmuseum (ksm@museenkoeln.de) zum Preis von 25 Euro bestellt werden.

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"Django's Spirit - A Tribute To Django Reinhardt"
Compiled by Susie Reinhardt


Das Besondere an Django Reinhardts Musik? „Sie wirkt, als wenn man Champagner intravenös verabreicht bekommt!", so beschrieb es einst George „Jo" Privat, ein Kollege des berühmten Jazzgitarristen.

Django Reinhardt gilt als einer der weitbesten Gitarristen, unter anderem wegen seiner virtuosen und spontanen Spielweise. Alexander Schmitz, Journalist und Autor einer Biographie über den Musiker, nennt ihn den „größten improvisierenden Gitarristen in der Geschichte". Der Jazzexperte beschreibt Djangos Improvisationen als „wahrhaft spontan, dabei klar artikuliert und perfekt organisiert".

Dieser Ausnahmemusiker, der vor 100 Jahren in einem roulotte (Zirkuswagen) als Kind reisender Kleinkünstler zur Welt kam, war einerseits Perfektionist und andererseits ein Bauchspieler. Banjo, Geige und auch sein Hauptinstrument Gitarre lernte Django Reinhardt durch Abgucken und Ausprobieren. Der französischsprachige Sinto verbrachte kaum Zeit in der Schule, schrieb als Erwachsener nur mit Mühe den eigenen Vornamen und konnte keine Noten lesen. Obwohl ihm nach einem Unfall nur noch drei Finger der Greifhand zum Gitarrespielen blieben, komponierte er in seinem kurzen Leben, er wurde 43 Jahre alt, weit über 100 Songs.

Viele rühmen Reinhardts besonderes Talent, mit Tönen Stimmungen und Gefühle auszudrücken, die seine Hörer berühren. „Er nutzte seine großartige Technik ausschließlich, um über sie seinen Emotionen Ausdruck verleihen zu können, niemals aber, um nur zu brillieren", sagt Diz Disley, der von der englischen Zeitschrift Melody Maker mehrmals zum Jazzgitarristen des Jahres gekürt wurde. Disley, der später unter anderem mit Big Bill Broonzy und Louis Armstrong spielte, lernte als Kind Banjo und wechselte zur Gitarre, nachdem er Django Reinhardt gehört hatte. Sein Kollege Sal Salvador meint, dass man von Django lernen kann, „wie man sich löst, anstatt sein Spiel einer kleinen Zahl fester Regeln zu unterwerfen." Er nennt Reinhardt „einen der unverklemmtesten Gitarristen, die ich je gehört habe". Das wohl größte Kompliment für seine Kunst kommt von einem der größten amerikanischen Komponisten: Duke Ellington sieht Django Reinhardt auf einer Linie mit den erlauchtesten Vertretern der afroamerikanischen Jazzmusik. Neben Art Tatum und Sidney Bechet zählt der Duke Django zu den inimitables, den Unverwechselbaren.

Für seine Improvisationen und Kompositionen bediente sich Django Reinhardt bei ganz verschiedenen Musikgenres. Geprägt von der Musik seiner Minderheit, griff er beispielsweise auf die traditionelle Sinti-Moll-Tonleiter zurück oder ließ Elemente aus dem Flamenco in sein Spiel einfließen. Stark beeinflusst war er auch durch den zu seinerzeit in Paris angesagten Musettestil und integrierte teilweise Elemente aus dem Blues und dem Jazz. Wie es zur Vorliebe des Sinto für die amerikanische Musik gekommen sein mag, darüber streiten sich Experten. „Oft wird behauptet, Sinti hätten im Lebensgefühl des Jazz die besondere Lage einer diskriminierten Minderheit für sich wieder erkannt und aufgegriffen", schreibt Anita Awosusi vom Dokumentations-, und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma. Die Herausgeberin eines Buches über Sintijazz weist aber daraufhin, dass die Tonleitern der altindischen Ragamusik und die des modernen Jazz nahezu identisch sind. Da Sinti und Roma ursprünglich aus Nordindien kamen ist gut denkbar, dass Sintimusiker hier auf bekannte musikalische Bausteine stießen, die sie gerne in der eigenen Kunst verwendeten.

Django Reinhardt integrierte aber nicht nur unterschiedliche Einflüsse in seine Musik, es gelang ihm darüber hinaus etwas Erstaunliches: Er entwickelte aus den verschiedenen Zutaten seinen ganz eigenen, in sich schlüssigen Stil, den man Sintiswing oder Jazzmanouche nennt. Was diesen charakteristischen Swing, den Django Reinhardt mit seiner berühmtesten Band, dem Quintette du Hot Club de France etablierte, ausmacht? „Er entsteht durch die Kombination des meist halbe Noten spielenden Bass mit der stoisch durchgehaltenen four-beat Begleitung der Rhythmusgitarren. Diese setzen häufig einen Akzent auf dem zweiten und vierten Viertel, indem sie den Akkord nach dem Anschlag abdämpfen", beschreibt es der Musikwissenschaftler Jürgen Schwab.

Dass Django Reinhardt bis heute auf der ganzen Welt Zuhörer begeistert, ist also kein Wunder. Als zeitlebens Reisender zwischen Ländern und Stilen, hat er zahllose Künstler aus wohl fast allen Kulturen inspiriert. Einige, die von Djangos Geist beflügelt sind, möchte ich auf dieser CD vorstellen. Wie diese Zusammenstellung zeigt, beeinflusst der vor 100 Jahren Geborene bis heute ganz verschiedene Musiker zwischen Paris und Prag, Osaka und New York, Hamburg und München. Die auf dieser CD vertretenen Bands und Interpreten kommen zum Teil aus dem Jazzmanouche und sind selbst Angehörige der Sinti, wie Biréli Lagrène (les yieux noirs). Andere sind in ganz unterschiedlichen Musiksparten, wie HipHop, Fusion, Garagen-Soul, Elektroswing oder Zydeco zuhause. Sie alle treffen sich hier, mit Django Reinhardt als eine, manchmal nur ganz subtile Quelle für ihre Inspirationen: Man kann, wie Tiki Daddy, die Songs von Django mit einem Hawaii Gefühl interpretieren (Manoir de mes Rèves), den Planwagen von Japan aus losjagen (Caravane), seine Melodien lassen sich mit Elektrobeats tanzbodentauglich machen (Kormac's - Mr. Soft) oder mit neuen Texten in Romanes (Dotschy Reinhardt) oder sogar french-creole verbinden (Mama Rosin's Frères Souchet).

Bei Djangos Spirit zeigt sich nicht immer auf den ersten Blick die Rolle, die Django Reinhardts Werk für den jeweiligen Song und Musiker spielt, manchmal ist es nur eine feine Zutat.

Susie Reinhardt

P.S.: Damit Sie wissen, wer Ihnen diese Musik zusammengestellt hat: Mein Name ist Susie Reinhardt, Journalistin und Musikerin bei Hoo Doo Girl aus Hamburg. Von väterlicher Seite her bin ich mit Django Reinhardt weitläufig verwandt, wie übrigens einige andere Künstler auch, die auf dieser CD-Compilation zu hören sind. Einer von ihnen, David Reinhardt (moon blue), der die meiste Zeit des Jahres in einem Wohnwagen am Rande von Paris lebt, gehört sogar zu Djangos engsten Familienmitgliedern: Er ist der Enkel des berühmten Gitarristen.

Quellen:
Anita Awosusi (Hg.): Die Musik der Sinti und Roma. Bd. 2: Sinti-Jazz. Schriftenreihe des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
Michael Dregni: Django. The Life and Music of a Gypsy Legend. Oxford University Press 2006
Michael Dregni: Gypsy Jazz. In search of Django Reinhardt and the Soul of Gypsy Swing. Oxford University Press 2008
Dotschy Reinhardt: Gypsy. Die Geschichte einer großen Sintifamilie. Scherz-Verlag, September 2008
Charles Delaunay: Django Reinhardt. A Da Capo Paperback 1961



GRUSSWORT VON ROMANI ROSE FÜR DIE CD „DJANGOS SPIRIT"

Seit der Einrichtung unseres Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrums zu Beginn der Neunzigerjahre haben wir es neben der historischen Aufarbeitung des Holocaust an unserer Minderheit - der auch die Auslöschung unserer Kultur zum Ziel hatte - als eine vorrangige Aufgabe verstanden, die kulturellen Beiträge der Sinti und Roma stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Wir wollen mit unserer Arbeit deutlich machen, dass Sinti und Roma seit vielen Jahrhunderten in den Staaten Europas beheimatet sind und dass sie die Geschichte und die Kultur ihrer jeweiligen Heimatländer in vielfältiger Weise bereichert haben. Dies gilt gerade auch für den Bereich der Musik.

Viele große Musikerpersönlichkeiten wie Lord Yehudi Menuhin, der bei der feierlichen Einweihung unseres Heidelberger Zentrums am 16. März 1997 unser Ehrengast war, haben die Bedeutung unserer Minderheit für die Entwicklung der unterschiedlichen Musikkulturen Europas gewürdigt. Wir wollen dem nicht zuletzt dadurch Rechnung tragen, dass wir in unserem Zentrum regelmäßig Konzerte anbieten, die ein möglichst breites musikalisches Spektrum umfassen: vom traditionellen Sinti-Swing über Modern Jazz und Flamenco bis hin zur klassischen Musik und zur so genannten Weltmusik. Neben so bekannten Repräsentanten unserer Minderheit wie Schnuckenack Reinhardt, Biréli Lagrène, Ferenc Snétberger oder Tony und Roby Lakatos wollen wir insbesondere jungen Musikern ein Forum bieten.

Darüber hinaus hat unser Zentrum gemeinsam mit namhaften Experten ein mehrjähriges Forschungsprojekt mit dem Ziel durchgeführt, den musikalischen Beitrag, den unsere Minderheit im Rahmen der Europäischen Kulturgeschichte in verschiedenen Musikstilen erbracht hat, zu dokumentieren. Was das 20. Jahrhundert betrifft, so hat unsere Minderheit mit Django Reinhard einen der bedeutendsten europäischen Jazzmusiker vorgebracht. Mit den ersten Aufnahmen des inzwischen legendären Quintette Du Hot Club De France hat Django den Sinti-Jazz aus der Taufe gehoben und der Welt ein neues musikalisches Genre geschenkt. So große Musiker wie Duke Ellington gehörten zu seinen Bewunderern. Viele von Djangos Kompositionen - erinnert sei nur an „Nuages", das geradezu zum Inbegriff der träumerischen Ballade geworden ist - werden seither von Generation zu Generation gespielt und weitergeben. Mit über sechshundert Einspielungen umfasst Djangos Werk zudem eine beeindruckende Bandbreite: mit Stücken wie „Daphne" oder „Minor Swing" bis zu seiner berühmten Swing-Interpretation des Doppelkonzerts in A-Moll von Johann Sebastian Bach.

Django Reinhardt stilbildende Kraft, die die Tradition des Sinti-Swing und des Sinti-Jazz begründet und auch die Entwicklung der Jazzgitarre maßgeblich beeinflusst hat, ist aus der internationalen Musikszene nicht mehr wegzudenken. Die vorliegende CD zeigt eindrucksvoll, wie lebendig Djangos Genius immer noch ist. Es ist erfrischend zu hören, dass junge Musiker keineswegs in Erfurcht vor dem vermeintlichen „Übervater" erstarren, sondern sein - fast schon „klassisch" zu nennendes - Erbe in kreativer Weise weiterentwickeln und mit den musikalischen Ausdrucksmitteln der Gegenwart verbinden.

Am Ende möchte ich einen Aspekt besonders hervorheben. Auch kulturelle Projekte wie dieses haben eine gesellschaftspolitische Dimension, indem sie das Bild unserer Minderheit nachhaltig verändern helfen und mit dazu beitragen, tief verwurzelte Klischees und Vorurteilsmuster zu überwinden. In diesem Sinne wünsche ich dieser CD möglichst viele Hörer.

Romani Rose
(Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma)


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Krausnick, Michail, Auf Wiedersehen im Himmel, Die Geschichte der Angela Reinhardt, München 2001
Elefanten Press6, 176 S. Hardcover 13,00 EUR


Angela Reinhardt: Eine Ohrfeige rettete ihr Leben

Die Kinder der in Konzentrationslager verschleppten Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten zu Waisen erklärt und in die Fürsorge katholischer Kinderheime gegeben. Auch Angela ist eines dieser Kinder. In der Heiligen St. Josefspflege in Mulfingen trifft die Siebenjährige auf etwa 40 Kinder zwischen sechs und sechzehn, die als 'Vollzigeuner', 'Zigeunermischlinge' und 'Jenische' klassifiziert werden. Sie bleiben von Himmlers Auschwitz-Erlass, der 'Endlösung der Zigeunerfrage', so lange ausgespart, bis die 'Rassenforscherin' Eva Justin ihre Doktorarbeit über 'das Artfremde' der 'Zigeunerkinder' abgeschlossen hat. Dann jedoch kommt der Befehl aus dem Reichssicherheitshauptamt: Die Kinder werden aus dem Heim direkt in das Vernichtungslager deportiert. Angela überlebt, weil sie eine deutsche Mutter und damit noch einen zweiten Namen hat: Schwarz. Das führt bei den Behörden zu einer Verwechslung, die von den Schwestern ausgenutzt wird. Als die Nazis von den Kindern Fingerabdrücke nehmen, verbieten ihr die Schwestern, sich daran zu beteiligen: "Du gehörst nicht dazu."
Und als der große Bus kommt, um die Kinder zu dem versprochenen 'schönen Ausflug' abzuholen, heißt es wieder: "Du gehörst nicht dazu!" Angela versucht sich in den Bus zu schmuggeln und bekommt dafür von der Schwester eine saftige Ohrfeige. Die hat ihr das Leben gerettet.


LESEPROBE: Am 9. Mai 1944 mussten die Kinder in der Morgenröte alle sehr früh aufstehen. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Frischer Tau lag auf den Wiesen und an den Hängen blühten die Obstbäume. Eigentlich hätte es an diesem Tag im Heim ein großes Fest geben sollen. Denn es war ein besonderes Datum: der Namenstag der Schwester Oberin. Fräulein Hägele hatte ihre Schülerinnen und Schüler extra Gedichte und Lieder auswendig lernen lassen. Auch Angela hatte eins gelernt. Jetzt aber hatte das alles keine Bedeutung mehr. Missmutig half Angela den kleineren Mädchen beim Zöpfeflechten, beim Kämmen und beim Anziehen. Es war eine merkwürdige Stimmung. Alle waren so aufgeregt und nervös.

Zum Frühstück gab es diesmal etwas Besonderes. Keine eklige Brotsuppe, sondern knuspriges, frisches Brot, Margarine und Erdbeermarmelade. Und heißen, köstlich duftenden Lindes-Kaffee. Schwester Roswitha ging herum mit einer großen Flasche "Mulfinger Goldwasser", wie der Lebertran genannt wurde, den sie immer zur Stärkung nehmen mussten. Er schmeckte ekelhaft tranig und es war eine Qual, ihn herunterzuwürgen. Alle mussten einen Esslöffel voll nehmen. Manchen wurde so übel von dem Fischgeruch, dass sie rausrannten. Als Schwester Roswitha zu ihr kam, sagte sie trotzig: "Nein danke, ich gehöre nicht dazu!" Und wollte den Löffel wegschieben. Doch die Schwester sagte: "Gerade du brauchst eine Stärkung, mein Kind!" Und schob ihr den Löffel in den Mund.

Eine andere Schwester zog mit einer Liste von Tisch zu Tisch und zahlte jedem Kind das von ihm Ersparte aus: ein paar Markstücke, Groschen und Pfennige von der Sparkasse Künzelsau. Von den Eltern geschenkt, von den Kindern erarbeitet. Und manchmal auch eine von der Rassenforscherin ausgesetzte Siegprämie. "Wozu?", fragte Andreas. "Wozu brauche ich fünf Mark zweiunddreißig? Ist das für die Fahrkarte ?"- "Damit ihr euch unterwegs eine Suppe oder etwas Brot kaufen könnt! Ein jedes unterschreibt hier, dass es sein Geld bekommen hat!" - "Warum?" - "Damit es seine Ordnung hat!"

Danach ging es runter in die große Eingangshalle. Dort mussten sich alle zu zweit aufstellen. Die Schwestern kontrollierten noch einmal das Aussehen der Kinder und zogen den Buben die Scheitel nach. "Ihr sollt doch nicht aussehen wie die Zigeuner!" Noch immer hoffte Angela auf das Wunder, doch noch mit auf den Ausflug zu dürfen, und wagte einen letzten Versuch. Sie stellte sich einfach neben ihrer Freundin Maria auf. Aber Schwester Agneta entdeckte sie auch dieses Mal und zog sie aus der Reihe heraus. "Fort! Fort! Du gehörst nicht dazu!" - "Doch. Ich will aber!" Trotzig schüttelte sie den Kopf. Und erhielt dafür eine schallende Ohrfeige. Ausgerechnet von der Schwester, die ihr immer die allerliebste gewesen war. An deren Rock sie sich gekrallt hatte, wenn sie Angst hatte. Und die ihr die Tränen getrocknet hatte, als sie beim Schlittenfahren gegen die Mauer gestürzt war. "Marsch, rauf in den Schlafsaal, unter die Decke und Augen zu!" Schwester Agneta hatte plötzlich dunkelrote Flecken im Gesicht.

Langsam, sehr langsam ging Angela die Treppe hinauf. Sie war richtig wütend. Wütend und traurig. Die Ohrfeige brannte, und obwohl sie durch ihre Tränen nichts sehen konnte, spürte sie, wie alle ihr nachsahen, ihr, die nicht dazu gehörte. "Wir machen einen Ausflug, und du man nicht!", rief eine der ganz Kleinen hinter ihr her. Erst sehr viel später sollte sie erfahren, wie nah sie damals am Rande des Todes gestanden hatte.

Quelle: http://www.menschenrechte-in-der-schule.de


Eva Justin und die Kinder von Mulfingen

"Die „völkerkundliche Feldforschung“ (Thurnwald) fand im Frühherbst 1942 für sechs Wochen im katholischen Kinderheim St. Josefspflege in Mulfingen statt. Dort waren unter den ca. 70 Heimkindern 40 Sinti zwischen sieben und 16 Jahren, die aufgrund verschiedener behördlicher Zwangsmaßnahmen zusammengezogen worden waren. Die „deutschblütigen“ Kinder des Heimes wurden von Justin nicht beachtet. Grundlage für die Zusammenführung in diesem Heim war der württembergische Heimerlass für „Zigeunerkinder“ vom 7. November 1938.

Ein Teil der Eltern war aufgrund von Himmlers „Asozialenerlass“ vom 14. Dezember 1937 ins KZ eingewiesen, weitere Eltern waren durch andere Maßnahmen ohne Kinder deportiert worden oder Kinder waren aufgrund der Denunziation einer NSV-Fürsorgerin ihren Eltern entzogen und der Heimerziehung zugeführt worden.

Auf die Sinti-Kinder von Mulfingen wurde zunächst Himmlers Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942, der die Deportation aller Sinti und Roma verfügte, nicht angewendet. Die Rohabzüge der Dissertation wurde am 5. November 1943 verschickt, die endgültige Druckfassung am 9. März 1944 ausgeliefert. Damit war Justins Promotionsverfahren abgeschlossen. Wenige Tage später, „jetzt konnte Justin sicher sein, dass sie ihr ‚Untersuchungsgut‘ nicht mehr benötigte“ (Gilsenbach), gab die Polizei dem Kinderheim bekannt, dass ein Abtransport der Kinder in ein „Zigeunerlager“ geplant sei. Die 39 Sinti-Kinder wurden am 9. Mai 1944 deportiert, sie trafen am 12. Mai 1944 im KZ Auschwitz ein. Im August 1944 wurden diese Kinder bis auf vier in Auschwitz in der Gaskammer umgebracht.


In ihrer Dissertation kam Justin zu dem Ergebnis, dass „Zigeuner“ durch ihre „mangelhaften Anpassungsfähigkeiten in der Regel doch mehr oder weniger asozial“ würden. „Fast alle Zigeuner und Zigeunermischlinge sind durch eine mehr oder weniger große Haltschwäche […] gefährdet“. Es würde immer neues „minderwertiges Erbgut“ in den deutschen Volkskörper einsickern. „Das deutsche Volk braucht aber zuverlässige und strebsame Menschen und nicht den zahlreichen Nachwuchs dieser unmündigen Primitiven.“ Aus diesen Gründen trat sie vehement für die Zwangssterilisation von Sinti- und Romafrauen ein."

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Justin


siehe auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sinti-Kinder_von_Mulfingen
http://www.sintiundroma.de/content/index.php?aID=300

http://www.foerdervereinroma.de/romaffm/mahntaf/mahntaf.htm (Mahntafel am Frankfurter Stadtgesundheitsamt, in dem Eva Justin bis 1962 beschäftigt war)

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Wanderausstellung
»Bedrängte Existenz« - Überlebende Roma des NS-Terrors in der Ukraine

Die Ausstellung „Bedrängte Existenz. Überlebende Roma des NS-Terrors in der Ukraine“ wurde in ukrainischer Sprachfassung am 18. Dezember 2013 im Heimatmuseum Odessa eröffnet. Sechzehn Roma, die die deutsche Gewaltherrschaft in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges überlebten, berichteten von ihrem wechselvollen Lebensweg im Krieg, der Nachkriegszeit und über ihren Alltag heute. Die Fotografin Birgit Meixner porträtierte im Mai 2012 Roma in der Ukraine, die an Projekten der Stiftung EVZ teilhaben. Meixners Porträts sind Momentaufnahmen aus dem Leben einer auch heute noch bedrängten ethnischen Minderheit.

Die Ausstellung wird 2014 in Kiew und weiteren ukrainischen Städten gezeigt.

Nähere Informationen über die Ausstellungsorte und den Verleih der Ausstellung in der Ukraine erhalten Sie bei der Projektleiterin Olena Fjudr